Mangelnde Innovationen oder „Wir hinken immer hinterher“
Mai 8, 2008Die Pressekonferenz von HTC zum HTC Touch Diamond hat wieder eine Diskussion losgebrochen, die eigentlich gar nicht neu ist. Als ich im April in Redmond mit vielen weiteren Experten zusammen saß, war auch das Thema. „Windows Mobile hinkt immer hinter der Konkurrenz hinterher.“
Der Touch Diamond ist da ein schönes Anschauungsobjekt: Als am 09.11.2007 das iPhone auf den Markt kam, waren alle voller Lob über seine Haptik, die Medienwiedergabe, die Gestenbedienung am Display. Ohne den Begriff „iPhone-Killer“ in den Mund nehmen zu wollen, aber genau das kommt dem geneigten Betrachter beim Diamond in den Sinn. 4GB Festspeicher, Touch 3D mit Gesten, Medienwiedergabe massiv „aufgehübscht“, all das kommt auf die Windows Mobile-Plattform… nur eben ein Dreivierteljahr später. Konsequenz im Eindruck: Eben jenes „hinter den Trends herlaufen“.
Aber ist das so? Meiner Meinung nach ist es ein Vergleich (verzeiht mir den unfreiwilligen Wortwitz) von Äpfeln und Birnen. Sicherlich ist in der Vergangenheit der Fokus für Windows Mobile als mobiles Betriebssystem und die entsprechenden Geräte weniger die Haptik und ausgeklügelte Bedienung gewesen, sondern platt und einfach die Funktionalität. Man kann sich trefflich streiten ob nun das iPhone, ein Nokia oder ein Windows Mobile-Gerät „besser“ oder „innovativer“ sind – denn das liegt im subjektiven Empfinden des Benutzers und seiner Anwendungen -, aber eines ist sicherlich unstrittig: Es gibt keine Plattform, die früher funktionale Innovationen umsetzt als Windows Mobile. Nehmen wir die Synchronisation mit einem Exchange-Server. Das iPhone bekommt sie auf massives Drängen des Markes ein Dreivierteljahr nach Marktstart, auch die diversen Nokias haben erst nach langer Zeit die entsprechende Microsoft-Technologie lizensiert.
„Das interessiert aber den Privatanwender nicht!“? Richtig ist, dass kaum ein Privatanwender einen Exchange Server zuhause stehen hat. Richtig ist aber auch, dass der Markt der „Hosted Exchanges“ bei allen Internet- und Email-Anbietern in den letzten Jahren massiv geboomed ist. Warum nur?
Nehmen wir stattdessen Consumer-Anwendungen: GPS-Navigation, Anfang 2001 auf dem Pocket PC mit der ersten Destinator-Version etabliert, findet langsam den Weg auf andere Systeme: Nokia hat es entdeckt, Apple ziert sich noch. Wer in der Dämmerung auf der Autobahn aufmerksam in die Cockpits vorbeifahrender Autos schaut, der erkennt eines ganz schnell: Navigation ist ein Riesenthema. Und, nehmen wir die Nischenanbieter aus der Kalkulation, das Gros der Geräte hat Windows CE .NET an Bord, entweder als Unterbau für Windows Mobile oder als Betriebssystem der diversen PNAs. Auch hier: Windows Mobile hat den Trend gesetzt, statt ihm hinterherzulaufen.
Nächstes Beispiel: Die ersten Windows Mobile-Versionen war sicherlich visuell spartanisch, dafür gab es aber von Anfang an eine Vielzahl von Zusatzprogrammen. Und hier reden wir nicht von dem kleinen Spielchen für zwischendurch, sondern von einem Spektrum, das sich vom Entertainment-Bereich über Produktivitätstools (wie Projektplanung, Mindmapping, flexible Datenbanken, Lagerhaltung) bis hin zu Freizeitanwendungen wie Reiseführern, Geocaching- Anwendungen, Fitnessplanern erstreckt. Keine mobile Plattform hat so viele unterschiedliche Programme zur Verfügung, die auf ein und dem selben Gerät situativ eingesetzt werden können. Nokia/Symbian/UIQ? Nicht zu vernachlässigen, aber alleine auf Grund der Softwarearchitektur nicht vergleichbar. Das iPhone? Apple hat sich vermeintlich erfolgreich durchgesetzt, den Kuchen ganz alleine aufzuessen und ein System geschaffen, das abgeschottet vor Drittherstellern einen festen Satz an Anwendungen integriert hat, aber nur über offizielle ROM-Updates erweitert werden kann (Jailbreak – für den nicht iPhone-Befallenen die mühsame Befreiung des iPhones von den Apple-Restriktionen – mal außen vor). So recht gelungen ist dieses Robinson-Prinzip aber nicht: Recht schnell schob Steve Jobs die Ankündigung eines SDKs, einer Softwareentwicklungsumgebung für das iPhone, hinterher. Genützt hat es nichts, denn die Verkaufszahlen sind nach dem Erstverkaufsboom alles andere als zufriedenstellend.
Diese Ausführungen theoretischer Natur umgesetzt in ein Praxisbeispiel: Ich bin sicherlich sehr Technik-affin und unabhängig von meiner Überzeugung, dass Windows Mobile in der Summe die überlegene Plattform ist, gerne zu Ausflügen auf andere Plattformen bereit. Das iPhone war somit eine logische und quasi unvermeidliche Anschaffung. Und ich muss zugeben, es hat Spaß gemacht, sich mit einem haptisch und ergonomisch „besonderen“ Gerät zu beschäftigen – einfach, weil es im Vergleich zu den Windows Mobile Geräten etwas neues, ungewohntes war. Nach kurzer Zeit aber hat sich die Begeisterung des Neuen soweit abgenutzt, dass das „Spielen“ mit dem Gerät einem „Nutzen“ weicht. Und genau da war für mich die Zäsur, die das iPhone mehr und mehr auf den Schreibtisch verbannt hat: Ohne Erweiterbarkeit, ohne Navigation, ohne vernünftige Anbindung, all die Faktoren also, die ein Windows Mobile-Gerät seit jeher mitbringt, nützen Design und Ergonomie in der Praxis nicht wirklich viel.
Und um auf den Ausgang wieder zurückzukommen: Wenn ein System, das funktional deutlich vor der Konkurrenz sitzt, sich die Muße leistet und auch vom Design und der Bedienbarkeit zu den Mitbewerbern aufschließt, dann ist dies für mich ein weiterer Ausbau der dieses Vorsprungs und nicht ein „Hinterherhinken“.
Verfasst von worldofppc